OSTSIEDLUNG

Bei alldem was man zur zeit in den Medien an unschönen Inhalten über den Gesamtzustand der Welt zu lesen bekommt, ist es hin und wieder geradezu ein wohltat, sich auch mal mit einer Geschichte abzulenken. Jedoch ist es gar nicht so einfach etwas gutes in alldem Medialem Gewusel von Politik bis Gesellschaft zu finden. Aber: es ist zum Glück nicht Unmöglich – jedenfalls wenn man weiß, wo man fündig werden könnte.

Da die nun folgende Geschichte nicht nur Elegant und sehr schön formuliert, sondern auch die 300 – 400 Wörter-Grenze eines Standard Presseartikels bei weitem übersteigt und ich Euch, die interessierten Leser, nicht unnötig mit meiner Anmoderation langweilen möchte, schleiche ich mich nun davon und überlasse dem Autor dieser Geschichte die Bühne und wünsche Euch, liebe Leser, schon mal einen angenehmen Sonntag Nachmittag & viel Spaß mit dieser Fiktiven, aber inhaltlich Wertvollen Lektüre … 🙂


Ostsiedlung

An diesem 13. Januar 2031 trat das erweiterte Regierungskabinett zusammen. Deutsche waren nicht abergläubisch, außerdem war dies ein Montag, kein Freitag. Reichskanzler Dr. Winheim eröffnete die Sitzung.

„Meine Dame, meine Herren, ich möchte zunächst unseren neuen Minister für Bundesangelegenheiten begrüßen, Herrn Franz Xaver Brunninger.“

Die Verfassung erlaubte es, einen Minister für Bundesangelegenheiten zu ernennen, aber auch einen Bundeskanzler mit diesen Aufgaben zu betrauen. Treugott Rechtschaffen und Dr. Werner Winheim hatten das Amt des Reichskanzlers und das des Bundeskanzlers bislang in Personalunion ausgeübt, doch im neuen Jahrzehnt sollte sich dies ändern. Der neue Minister sollte eigene Aufgaben übernehmen.

Statt des Ministers für Bundesangelegenheiten meldete sich die einzige Dame in der Runde, Familienministerin Erika Steinbach. „Herr Reichskanzler, ich möchte Ihnen im Namen des Kabinetts als erstes zu Ihrer Vaterschaft gratulieren.“

Dr. Winheim war vor zwei Tagen Vater von Zwillingen geworden, am 11. Januar, dem Reichsgründungstag.

„Danke, Frau Steinbach“, erwiderte der Reichskanzler. „Ja, es sind Zwillinge, zweieiige, ein Junge und ein Mädchen.“ Er seufzte. „Einlingsgeburten sind derzeit die Ausnahmen, Zwillinge, Drillinge, Vierlinge – wir wissen nicht, warum. Sogar Fünflinge werden geboren und überleben. Die Jünger der Ostara behaupten, es wäre das Ergebnis ihres Fruchtbarkeitsrituals.“

Die Jünger Ostaras waren eine der neogermanischen Sekten, die sich angesichts der schwindenden Macht der christlichen Kirchen gebildet hatten. Sie lehrten, daß die Germanen in Gestalt der Deutschen die Welt neu bevölkern würden. Die Mehrlingsgeburten schienen ihnen recht zu geben, denn dieses Phänomen trat nur in Deutschland auf, nicht in Rußland oder China, nicht in den Konföderierten Staaten von Amerika oder in den anderen Staaten dieser Welt. Die Wissenschaft hatte dafür auch nur eine esoterische Erklärung: Die verbliebenen Seelen der Welt wollten in Deutschland inkarnieren. Jene, die der Welt und der Menschheit feindlich gesonnen waren, hätten das Sonnensystem mit den Edeniern verlassen.

„Der Zweck unserer Zusammenkunft ist es, für diese Menschen eine Heimstatt zu schaffen“, kehrte Winheim zur Tagesordnung zurück. „Ich habe deshalb zwei Herren von der Luftwaffe zu unserer Zusammenkunft eingeladen, Herrn Brigadegeneral Loewenhardt und Herrn Oberstleutnant Ritter von Voß.“ Erich Loewenhardt stand im Schatten des am höchsten dekorierten deutschen Soldaten, Werner Voß. Zudem hatte man ihn nur aus formalen Gründen zum General befördert, als Kommandeur der kleinsten Teilstreitkraft war er zunächst Oberst geblieben.

„Meine Dame, meine Herren, das Deutsche Reich reicht weit nach Osten, doch es ist bis auf die Versuchsanstalt Preußisch Stargard unbesiedelt. Dies soll sich jetzt ändern.“ Der Reichskanzler warf einen Blick in die Runde, um alle Anwesenden einzubeziehen. „Wir haben die Auswahl unter mehreren Städten, die wir wiederbesiedeln wollen.“

Der Durchgang der Nemesis und die davor stattgefundenen Ereignisse des Dritten Weltkriegs hatten den Osten entvölkert. Die Amerikaner hatten das Gebiet von Prag bis zur Ostsee mit chemischen Waffen erst recht unbewohnbar werden lassen. Berlin war mit Atomwaffen vernichtet worden, über den Ruinen war kürzlich noch eine Acht-Megatonnen-Ladung der außerirdischen Edenier explodiert, die offenbar über veraltetes Kartenmaterial verfügt hatten. So hatte das zerstörte Berlin eine der aufblühenden deutschen Städte gerettet.

Dank einer Vereinbarung mit Rußland hatte das Deutsche Reich die Grenzen des Jahres 1913 wiedererlangt, doch dieser Osten war menschenleer. Das Reich mußte also dafür sorgen, daß sein neuer Besitz auch tatsächlich dauerhaft erworben wurde. Das Reich hatte Elsaß-Lothringen wieder eingegliedert, das einstige Österreich, große Teile der Schweiz, Lombardo-Venetien, Neu-Atlantis, das im Nordatlantik aufgetaucht war, Nordwest-Grönland und Deutsch-Ostafrika, das freiwillig als Kolonie dem Reich beigetreten war. Den Osten hatte man bisher vernachlässigt.

„Seine Majestät wünscht, daß wir zwei Siedlungsprojekte beginnen.“ Dr. Winheim warf wieder einen Blick in die Runde. „Da Berlin vorerst als Denkmal belassen werden soll, habe ich folgende Städte vorzuschlagen: Prag, Stettin, Warschau, Krakau, Breslau, Danzig, Königsberg, sowie Kattowitz und Bialystok. Mein persönlicher Vorschlag wären Königsberg und Bialystok, da wir so unsere Grenze zu Rußland deutlich abstecken.“

Der Reichskanzler entfaltete eine große Karte der Ostgebiete, auf der die genannten Städte eingezeichnet waren.

Kriegsminister Albrecht Graf von Roon meldete sich zu Wort. „Herr Reichskanzler, das wäre strategisch ungünstig, da die beiden ehemaligen Städte zu weit auseinanderliegen. Wählen wir Königsberg, so bieten sich Stettin und Danzig an, da diese auf dem Weg liegen, wählen wir Bialystok, so wären es Breslau, Krakau und Warschau, die wir mit erfassen können. Die strategische Situation empfiehlt, entlang der Ostsee vorzustoßen. Von da aus wäre eine Anbindung an Moskau und Sankt Petersburg möglich, also eine Handelsroute.“

Außenminister Wilhelm von Doderer hatte ähnliche Gedanken. „Wir sollten Prag von Dresden und Passau aus erschließen, also nicht in diesem Projekt. Unsere Freundschaft mit Rußland erfordert es, eine vorsichtige Annäherung durchzuführen. Aus Gründen der Geschichte wären Danzig und Königsberg vorrangig. So zeigen wir den Russen zum einen unser Interesse an diesem Gebiet, zum anderen schaffen wir eine Verbindung, insbesondere wenn wir eine Eisenbahnlinie in der leistungsfähigeren russischen Breitspur dahin führen.“

Bildungsminister Dr. Wilhelm von Arnecke warf ein: „Die Führer-Breitspur von 3.000 Millimeter ist noch weitaus leistungsfähiger als die russische 1.520 Millimeter.“

Finanzminister Adolf Scholz widersprach: „Die Führer-Breitspur wurde noch nirgendwo eingesetzt, die russische 1.520-Millimeter-Spur umfaßt die halbe Welt. Da wir sowieso neu bauen müssen, sollten wir die 1.520er Spur wählen. Von 1.520 wäre es außerdem kaum möglich, auf 3.000 umzuspuren.“

Dr. Karl Schmitt, der Minister für Industrie, Technologie und Außenhandel, hatte dazu eine eigene Meinung. „Warum wollen wir eine konventionelle Eisenbahn neu bauen, anstatt direkt auf Transrapid zu setzen? DAS, meine Herren, wäre die Zukunft!“

Oberstleutnant Voß meldete sich. „Meine Herrschaften, ich weiß zwar nicht, was wir von der Luftwaffe und insbesondere ich als einfacher Offizier hier sollen, aber wir sind gewiß nicht hier, um uns über Spurbreiten der Eisenbahn zu unterhalten. Meine Meinung ist, daß wir Danzig nehmen, weil dort die ersten Schüsse des Zweiten Weltkriegs gefallen sind, und Königsberg, das nicht mehr Kaliningrad heißen soll. Und nun wüßte ich gerne, was wir bombardieren sollen, denn wir von der Luftwaffe sind für den Aufbau denkbar ungeeignet.“

Dafür fing er sich einen bösen Blick von General Loewenhardt ein, sowie ein spöttisches Lächeln des Reichskanzlers. „Die Luftwaffe verfügt über zwei Gigant-Zeppeline für Landeoperationen, und ein einfacher Offizier wäre der Richtige, um dieses Transportgeschwader zu kommandieren. Herr Voß, da ich Ihnen derzeit keinen Krieg bieten kann, muß ich Sie anderweitig beschäftigen. Sie werden der Verantwortliche für dieses Siedlungsprojekt!“

„Herr Reichskanzler, ich bin Jagdflieger“, begehrte Voß auf.

„VOSS!“, donnerte Loewenhardt. „Ein deutscher Offizier schlägt die Hacken zusammen und sagt Jawoll, wenn ihm ein Befehl erteilt wird! Als Oberstleutnant haben Sie solche organisatorischen Aufgaben zu übernehmen!“

Werner Voß, Jahrgang 2005, hatte zu viele Heldentaten ausgeführt. Er hatte Atomraketen abgefangen und die letzten Kampfflugzeuge der Vereinigten Staaten von Amerika abgeschossen. Er hatte zudem den entscheidenden Angriff auf die Basis der Edenier geflogen, deshalb war er bereits mit 24 Jahren zum Oberstleutnant befördert worden. Aufgaben, die ihn an den Schreibtisch fesselten, waren ihm zutiefst zuwider, doch die brachten sein Rang mit sich.

Voß sprang derart rasch auf, daß sein Stuhl umfiel. Er salutierte. „Jawoll, Herr Reichskanzler! Zu Befehl!“

„Wie schön, daß wir das geklärt haben“, erwiderte Dr. Winheim. „Danzig und Königsberg gefallen mir durchaus. Da wäre notfalls eine Unterstützung durch die Marine denkbar.“

„Danke, keine Unterstützung“, lehnte General Loewenhardt ab. „Im Gegenteil, wir sollten an die fernere Zukunft denken. Wir landen ein Vorauskommando, das sechs Wochen auf sich allein gestellt bleibt. Wir üben damit den Aufbau einer Siedlung auf einem fremden Planeten.“ General Loewenhardt wartete ab, bis die erregten Stimmen verstummten. „Es ist völlig egal, ob das, was wir hier erproben, erst in hundert oder tausend Jahren genutzt werden kann, wir erwerben hier Erkenntnisse für die Zukunft. Wir landen das Vorauskommando, schauen, was diese Leute brauchen, zeichnen auf, was ihnen fehlt. Ja, im Notfall werden wir ihnen helfen, aber sie sollen improvisieren, sie sollen sich selbst helfen. Dann fliegen wir die zweite Gruppe ein, welche die Besiedlung vorbereitet. Schließlich folgen die Siedler… 20 Mann in der ersten Gruppe, 30 in der zweiten, und 500 in der dritten.“

Der Minister für Bundesangelegenheiten, Brunninger, wandte ein: „Das ist ein ziviles Unternehmen, kein militärischer Vorstoß!“

Graf Roon widersprach: „Herr Brunninger, wenn die Luftwaffe dieses Projekt übernehmen soll, ist es ein militärisches Projekt. Erst, wenn die dritte Gruppe dort siedelt, wenn sie Felder und Häuser anlegt, wird das zivil. Bis dahin hat das Militär das Sagen. Und ich finde den Vorschlag von General Loewenhardt hervorragend, bei dieser Gelegenheit Daten für die Besiedelung eines neuen Planeten zu sammeln. Bei Deutsch-Atlantis haben wir den Fehler gemacht, die Siedlungen auf Zuruf zu unterstützen, anstatt ihnen aufzuerlegen, sich zuerst selbst zu helfen.“

Innenminister Franz Heimbuch meldete sich zu Wort. „Bei all der Planung, was ist mit Hyperborea? Da Grönland nach Süden gerückt ist, sollten wir es besiedeln. Und zwar richtig besiedeln, denn sonst bekommen es die Russen. Abgesehen davon, dürfen wir Hyperborea nicht preisgeben. Wir müssen also auch dort Städte und Siedlungen gründen. Danzig und Königsberg sind gut, aber was ist mit Thule?“

„Das ist ein sehr guter Einwand“, freute sich Oberstleutnant Voß. „Wir führen Danzig und Königsberg am langen Arm, mit der Begründung, daß wir unsere Kapazitäten für Thule benötigen!“

„Voß, schaffen Sie denn alle drei Siedlungen?“, fragte Loewenhardt nach.

„Ich brauche meine Zepps zwei Tage für Königsberg und Danzig, danach habe ich sie sechs Wochen für Thule – da sehe ich keinerlei Problem“, erwiderte Voß selbstsicher. „Wenn es Probleme gibt, dann nur von dieser Seite.“ Er wies auf Finanzminister Scholz.

„Erstaunlich, daß jemand ans Geld denkt, noch dazu ein Militär“, erwiderte der Finanzminister. „Drei Siedlungen… Zehn Millionen für jede, für den Aufbau, zwei Millionen für die Kosten des Aufbaus. Zusammen 36 Millionen – das muß für den Aufbau reichen.“

„36 Millionen für 2031?“, vergewisserte sich der Reichskanzler.

„36 Millionen für 31, 32 und 33“, antwortete der Finanzminister. „Wir sind ein armes, geschundenes Land, das mitten im Wiederaufbau steht, nach zwei gewaltigen Weltkatastrophen.“

„Und wir sind eine Sitzung des erweiterten Reichskabinetts“, sagte Dr. Winheim. „Da wir offenbar einen Konsens erreicht haben, stelle ich den Antrag, Danzig und Königsberg neu zu besiedeln.“

„Und Thule?“, fragte der Innenminister.

„Das wird ein eigener Antrag“, beschied ihm Dr. Winheim. „Zunächst geht es um die Aufgaben der Herren Loewenhardt und Voß. Gibt es Gegenstimmen?“

Die Ostsiedelung wurde einstimmig beschlossen. „In diesem Fall befolgen wir die Empfehlung General Loewenhardts“, schloß Dr. Winheim den Tagesordnungspunkt ab. „Drei Anflüge, wir sammeln Erfahrungen für die Besiedelung eines neuen Planeten. Punkt zwei wäre die Eisenbahnanbindung. Wir führen die Linie von Oldenburg über Hamburg nach Kiel, Lübeck, Stettin, Danzig und Königsberg letztlich an die russische Grenze. Über die Eisenbahn besiedeln wir Hamburg, Lübeck und Stettin, wenn die Bahnlinie diese Städte erreicht hat. Wir verwenden die russische 1520mm-Spur. Herr Scholz, die Finanzierung dieser Bahnlinie ist nicht Teil der Siedlungsprojekte, und Herr von Doderer, Sie handeln mit den Russen aus, wo die Bahnlinie auf russisches Gebiet treffen wird.“

Der Finanzminister wollte Einwände erheben, doch der Reichskanzler beschied ihm: „Ich gehe davon aus, daß wir uns 2035 mit den Russen treffen werden. Ihre Finanzplanung wird also nicht überstrapaziert. Die Russen dürften keine Einwände haben, die müssen sich erst noch ihre Wunden lecken, welche die Edenier ihnen geschlagen haben.“

Der Finanzminister stimmte als Einziger gegen diesen Vorschlag, doch das war eher eine Formalität, da er das Geld nicht zur Verfügung stellen wollte.

„Kommen wir jetzt zu Thule“, bestimmte der Reichskanzler. „Die Stadt sollte mindestens 30, besser 50 Kilometer von Hyperborea entfernt liegen. Südlich davon, an der Westküste. Außerdem sollten wir dafür den doppelten Finanzansatz einplanen. In dieses Projekt sollten wir zudem die Marine einbinden, mit anderen Worten, Konteradmiral Hersing. Da wir die Dienstgrade berücksichtigen müssen, können wir dieses Projekt nicht Oberstleutnant Voß unterstellen. Ich schlage vor, Brigadegeneral Loewenhardt mit dem Projekt zu betrauen, Konteradmiral Hersing erhält formal die Aufsicht, Oberstleutnant Voß die praktische Durchführung, außerdem wird er für diese Aufgabe Hersing unterstellt.“

„Zwei Kommandierende?“, knurrte Voß. „Was ist bei widersprüchlichen Befehlen?“

Dr. Winheim grinste bösartig. „Nun, Herr Voß, Sie kennen sicher das Wort Eigeninitiative? Wenn Sie Zeit haben für Rücksprachen, so lassen Sie sich Ihre Befehle präzisieren. Wenn diese Zeit nicht zur Verfügung steht, handeln Sie nach eigenem Ermessen. Da wir keinen Krieg haben, dürfte immer genug Zeit für Rücksprachen sein.“

Graf Roon fing an zu lachen. „Damit geben Sie Voß freie Hand, Herr Reichskanzler. Das ist völlig in Ordnung, Sie sollten sich nur darüber im Klaren sein. Ich werde jedenfalls keine Kriegsgerichtsverfahren deswegen einleiten oder auch nur befürworten.“

„Thule liegt im Nordwesten, da gibt es wenig Gelegenheiten, die Russen zu verärgern“, entschied Dr. Winheim. „Kommen wir zur Abstimmung.“

Der Beschluß wurde verabschiedet. Seine Majestät wurde informiert, da der Kaiser nicht widersprach, wurde der Kabinettsbeschuß dem Reichstag vorgelegt. Dort wurde zwar die Finanzierung kritisiert, es gab nur die Auflage, jährlich Rechenschaft über die Kosten abzulegen.

*

Im März flogen zwei Gigant-Zeppeline der Luftwaffe Richtung Osten. In der Nähe der zerstörten Städte Danzig und Königsberg landeten sie. Was nun folgte, wirkte, als wäre es hundertfach auf einen Kasernenhof gedrillt worden. Zuerst wurde ein Vril-Kraftwerk ausgeladen. Dank der Erkenntnisse, die aus der edenischen Beute gewonnen wurden, hatte es eine Kapazität von 5.600 PS. Eine Planierraupe und ein Bagger schufen Platz für die ersten Gebäude der Ansiedlung, außerdem wurden Gräben angelegt für die Wasserversorgung und die Abwasserentsorgung der Siedlung. Die Soldaten schliefen zwei Tage in Zelten, dann standen dauerhafte Unterkünfte zur Verfügung, kleine Hütten aus Plastikmaterial. Im Zentrum der Siedlung waren eine Wasseraufbereitungsanlage und ein Nahrungsspender venusischer Konstruktion entstanden.

Beide Siedlungen hatten ein Problem: Sie benötigten dringend Silizium, um Silan zu erzeugen, de Treibstoff für die Maschinen, mit denen sie die Siedlungen aufbauen wollten. Beide Siedlungen stießen an den Strand der Ostsee vor, um dort Sand für die Silan-Erzeugung zu gewinnen. Und ja, beide Siedlungen schafften es, damit ihre Grundversorgung zu sichern.

In Thule lief dies in den ersten drei Tagen exakt gleich ab. Dann erschienen zwei Gigant-Zeppeline und brachten Nachschub. Ein zerlegtes Ringkraftwerk der neuesten Bauart, das auch venusische Technik nutzte, sowie zwei Treibhäuser, welche die Universität Karlsruhe für Deutsch-Atlantis entwickelt hatte. Mit an Bord waren 30 verheiratete Techniker, die ebenfalls ein Vorauskommando bildeten. Drei Tage später erhielt Thule zwei Vril-getriebene Arbeitsmaschinen, die von einem neuen, verkleinerten Fusionsreaktor versorgt wurden. Mit den neuen Maschinen sollte eine Wohnsiedlung aufgebaut werden. Die dritte Lieferung war auf Anforderung von Admiral Hersing geändert worden: sie enthielt Bauteile für einen improvisierten Hafen. Die Marine wollte schließlich ihren Anteil an diesem Siedlungsprojekt haben.

Anfang April landete die SMFS JAKOB FUGGER in diesem improvisierten Hafen. Seine Majestät Fracht-Schiff gehörte zur Marine und war für den Nordatlantik zuständig. Zwei weitere staatliche Frachtschiffe befuhren das Mittelmeer und sollten über den Suez-Kanal Deutsch-Ostafrika erreichen, sobald dessen Reparaturen abgeschlossen wären. Ein Frachter war für die Ostsee, ein weiterer für den Südatlantik vorgesehen. Mittelfristig sollten private Reedereien den Frachtverkehr übernehmen.

Das Schiff führte eine vollständige Fabrik für Plastikteile mit sich, um in Zukunft selbst Gebäude errichten zu können. Außerdem waren 2.500 Tonnen Mutterboden für weitere Gewächshäuser an Bord. Die Luftwaffe transportierte Möbel für die neuen Häuser nach Thule.

Die in Thule erprobten fusionsgetriebenen Arbeitsmaschinen wurden im April nach Danzig und Königsberg geliefert. Dort sollten sie Wälder roden und Felder anlegen. Das gewonnene Holz sollte zur Herstellung von Möbeln dienen, denn diese beiden Siedlungsprojekte wurden weiterhin kurz gehalten. Oberstleutnant Voß wurde deswegen zu Admiral Hersing einbestellt, der die Operation in Danzig und Königsberg mit der SMFS LIKEDEELER unterstützen wollte. Voß wies dieses Ansinnen entschieden und so höflich zurück, wie es ihm möglich war. Bei der Besiedelung eines fremden Planeten würde schließlich auch kein 10.000-Tonnen-Frachter voller Hilfsgüter überraschend auftauchen. Hersing schickte eine inoffizielle Beschwerde an den Kriegsminister, die dieser nicht bearbeitete, denn schließlich hatte der Admiral den Dienstweg mißachtet, der über General Loewenhardt geführt hätte.

Im Mai wurde die Breitspurbahn Richtung Hamburg begonnen. Hamburg lag nicht nur in Trümmern, sondern auch unter Schlamm begraben. Die Flutwellen, die bis nach Frankfurt am Main vorgedrungen waren, hatten die Stadt zugeschüttet. Köln hatte das Reich ausgegraben, ebenso den Kriegshafen Oldenburg, der nun an der Nordsee lag. Ansonsten gab es noch Arnheim, das neue Tor zum Meer. Hamburg hatte das Reich bisher vernachlässigt, da an der Elbe deutlich weniger Menschen lebten als im Einzugsbereich des Rheins. Die neue Eisenbahnlinie würde Abhilfe schaffen, würde Hamburg wieder zum Leben erwecken.

Kiel wurde über den Kaiser-Wilhelm-Kanal an Leben erhalten, als Kriegshafen an der Ostsee. Admiral Hersing erhielt von Kriegsminister Roon den inoffiziellen Hinweis, die Kapazität der SMFS LIKEDEELER für den Wiederaufbau Kiels zu nutzen – und für Fahrten nach Sankt Petersburg.

*

Zar Alexander IV. hatte für diese Vorbesprechung nur seinen Außenminister, Graf Wladimir Iljitsch Uljanow, und seinen Kriegsminister, Marschall Graf Pjotr Semjonowitsch Saltykow einbestellt. „Meine Herren, ich möchte Ihre Meinung zu den deutschen Siedlungsprojekten hören. Zuerst Sie, Wladimir Iljitsch.“

„Majestät, wir haben nach dem Krieg mit diesen Außerirdischen eine leere Welt“, wiederholte der Außenminister einleitend. „20 Millionen Deutsche, 30 Millionen Russen und 50 Millionen Chinesen. Jede dieser Mächte verfügt folglich über mehr als genug Land, um das eigene Volk anzusiedeln. Die Deutschen haben den Krieg gewonnen, allerdings wurde die Schweiz atomar bombardiert, es gibt folglich genug, was sie im eigenen Land aufbauen sollten. Die Siedlungen sind also völlig unnötig. Ich nehme an, daß sie Danzig und Königsberg vor allem deshalb aufbauen, um ihre Ansprüche für die Zukunft zu sichern. Sie bauen zudem an einer Bahnlinie, von Oldenburg Richtung Königsberg, in unserer Spurweite 1520mm, sie suchen folglich den Anschluß an unser Netz. Das Siedlungsprojekt in Grönland ist eindeutig besitzergreifender. Das Projekt Thule soll den Deutschen meiner Meinung nach Grönland sichern.“

„Sie gehen also davon aus, daß die Deutschen ganz Grönland haben wollen?“, folgerte der Zar.

Saltykow polterte los: „Majestät, das ist eindeutig! Schauen Sie doch, wer die Siedlungsprojekte leitet! In Danzig und Königsberg ist das Voß – ein Jagdflieger! Natürlich müssen auch die Deutschen ihre Offiziere beschäftigen, aber Voß ist für ein Siedlungsprojekt eine absolute Fehlbesetzung. Der sollte die Pilotenausbildung leiten, sonst nichts. Dafür haben sie bei Thule diesen Hersing eingesetzt, den neuen Kommandeur der Marine, nachdem Tegetthoff in Pension gegangen ist. Allein das zeigt das Gewicht, das sie diesem Projekt beimessen.“

Uljanow fügte hinzu: „Wir sind mit dem Darukin-Abkommen den Deutschen einmal auf den Leim gegangen. Wir haben den Köder mit dieser Station Nord geschluckt und außerdem geglaubt, sie hätten Interesse am Berg Nordkronen. Wir haben ihnen damals einen beträchtlichen Teil der Westküste Grönlands überlassen. Heute wissen wir, warum sie das haben wollten. Der Golfstrom trifft auf die neuen Inseln von Deutsch-Atlantis und wird von dort aus nach Norden gelenkt. Europa wurde nach Süden verschoben, die brauchen keinen Golfstrom mehr. Der trifft jetzt auf Grönland, führt schön entlang der Westküste, heizt diese auf und macht sie fruchtbar. Dieses Geschenk nutzen die Deutschen jetzt weidlich aus.“

„Ich sehe keine Möglichkeit, dagegen etwas zu unternehmen“, kommentierte der Zar. „Es widerstrebt mir allerdings, sie einfach gewähren zu lassen.“

„Militärisch sind die Deutschen einfach zu stark“, seufzte Saltykow. „Das Reich dürfte für die nächsten Jahrzehnte die Welt beherrschen.“

„Wie wäre es, ihnen ganz Grönland anzudienen?“, schlug Uljanow vor. „Aber nicht für eine Handvoll Goldmark, wir haben schließlich aus Alaska gelernt.“

„Was wollen Sie denn sonst von den Deutschen haben, Wladimir Iljitsch?“, wunderte sich Saltykow. „Geld würden wir weiß Gott brauchen.“

„Kraftwerke wären noch dringlicher, Pjotr Semjonowitsch“, erwiderte der Außenminister. „Zwölf, besser zwanzig dieser großen Fusionskraftwerke, die sie so ungern verkaufen, dazu noch ein paar kleine, transportable, die sie in ihre Panzer einbauen, die sollten wir den Deutschen abverlangen. Und ihnen etwas zu tun geben. Schreiben wir in den Vertrag, daß wir ihnen Grönland nur dann endgültig überlassen, wenn sie in zehn Jahren dort mit einer Million Menschen siedeln. Wenn sie sich darauf einlassen, bindet das Ressourcen und Logistik, da können wir nur gewinnen.“

„Wladimir Iljitsch, sind Sie sicher, daß die Deutschen Grönland überhaupt wollen?“, vergewisserte sich der Zar. „Und das derart, daß sie bereit sind, dafür anständig zu bezahlen?“

„Ich sage nur Voß und Hersing“, antwortete stattdessen der Kriegsminister. „Das sind vier Ränge Unterschied! Dieser Voß ist außerdem zu jung, um sich auf diese Weise den Oberst zu verdienen. Nein, die Deutschen wollen Grönland, eindeutig. Und ich will eines dieser kleinen Kraftwerke für eine Südpol-Expedition.“

„Was wollen Sie denn am Südpol, Pjotr Semjonowitsch?“, staunte der Außenminister.

„Nachschauen, was die Deutschen dort gefunden haben“, lachte Saltykow. „Das Gebiet, wo jetzt der Südpol liegt, hieß früher mal Neuschwabenland und war eine deutsche Kolonie. Die Deutschen haben da interessante Dinge gefunden, da bin ich mir sicher. Sie haben die Technologie nach Deutschland gebracht, aber bestimmt nicht alles.“

„Sprechen Sie von Hitlers letztem Bataillon?“ Der Zar klingt angewidert. „Das sind doch Verschwörungstheorien!“

„Die Amerikaner haben von dieser Verschwörungstheorie mehrmals den Arsch aufgerissen bekommen“, erinnerte der Marschall. „Die haben sich da nicht mehr hingetraut. Jetzt dürfte dort Ruhe eingekehrt sein. Wir finden, was die Deutschen gefunden haben – und die Deutschen sollen uns das verkaufen, was wir für die Expedition brauchen.“

„Die Deutschen haben uns im letzten Winter geholfen, unsere Bevölkerung zu ernähren“, überlegte der Zar. „Auch in diesem Winter werden wir noch Hilfe brauchen. Zu offen dürfen wir sie nicht hintergehen.“

„Das tun wir doch gar nicht“, widersprach Uljanow. „Im Gegenteil, gerade weil sie uns geholfen haben, bieten wir ihnen den Handel über Grönland an. Unsere Südpol-Expedition braucht Monate der Vorbereitung – nächstes Jahr sind wir auf die deutsche Winterhilfe nicht mehr angewiesen.“

„Das dürfte des Nachdenkens wert sein“, schloß der Zar diesen Teil der Unterhaltung ab. „Wenden wir uns nun der Innenpolitik zu…“

*

Der Reichskanzler hatte den Außenminister und den MITA zu einer Besprechung gebeten. „Meine Herren, wir haben einen interessanten Vorschlag von den Russen bekommen.“

„Die Russen wollen uns Grönland verkaufen?“, staunte Dr. Schmitt. Er zog ein tragbares Computermodell der neuesten Sorte hervor und begann einige Berechnungen.

„Ich finde das nicht so erstaunlich“, befand von Doderer. „Die Russen haben viel zu wenig Menschen, um das Land zu besiedeln, das sie bereits auf dem Festland besitzen. An Grönland können sie frühestens in 200 Jahren denken. Ihnen fehlen zudem die Transportkapazitäten, da sie von den Außerirdischen stark gebeutelt worden sind. Unsere Siedlungsprojekte dürften sie aufgeschreckt haben.“

„Ihre Forderungen sind beträchtlich“, meldete Dr. Schmitt. „Alaska haben sie damals für 7,2 Millionen Dollar in Gold verkauft, nach heutigem Geld etwa 150 Millionen Goldmark. Grönland wäre analog 200 Millionen wert.“

„Ein derart nachteiliges Geschäft werden die Russen bestimmt nicht mehr anbieten“, wandte der Außenminister ein. „Die Amerikaner haben allein an Gold ein Vielfaches des Kaufpreises aus Alaska herausgeholt.“

„Allein die 20 großen Fusionskraftwerke sind bereits 600 Millionen wert“, rechnete Dr. Schmitt vor. „Ein Dutzend kleiner Fusionskraftwerke, davon vier transportabel, das sind weitere 100 Millionen. Laut den Russen sind sie nur deshalb so kulant, weil wir ihnen im letzten Winter geholfen haben.“

„Ohne uns wären mindestens fünf Millionen Russen verhungert“, erinnert sich von Doderer. „Deren Dankbarkeit dafür ist reichlich begrenzt.“

„Meine Herren, Sie übersehen den kritischen Punkt in den russischen Vorschlägen“, sagte Dr. Winheim. „Das Angebot gilt nur, wenn wir es schaffen, binnen zehn Jahren zwei Millionen Siedler nach Grönland zu bringen. Das ist ein Zehntel unserer Bevölkerung! Abgesehen davon, uns gehört bereits der beste Teil Grönlands, entlang der Westküste. Natürlich ist das hier nur das erste Angebot, wir müssen hart verhandeln, wir sollten jedoch unsere maximale Gegenforderung festlegen, um Seiner Majestät einen Vorschlag zu unterbreiten.“

Friedrich IV. regierte das Deutsche Reich zwar nicht, aber er war das Staatsoberhaupt und in gewisser Weise auch der Landesherr. Er stand im Zentrum der Politik, er konnte den Reichskanzler ernennen und entlassen. Gerade bei Staatsverträgen dieser Tragweite entschied seine Zustimmung. Die Aufgabe des Reichskanzlers und der Minister bestand darin, dem Kaiser alle erforderlichen Informationen für eine fundierte Entscheidung zusammenzutragen.

„Eine Million in zwanzig Jahren, das ist machbar“, überlegte Dr. Schmitt.

„Warum haben Sie Herrn Scholz nicht hinzugezogen?“, fragte von Doderer. „Der Finanzminister ist meiner Ansicht nach der wichtigste Mann bei dieser Planung.“

„Wollen Sie das wirklich wissen?“, fragte Dr. Winheim zurück. „Adolf Scholz ist brillant, ein finanztechnisches Genie, aber kein Visionär. Er würde uns sagen, daß alles, was wir hier planen, schlichtweg nicht finanzierbar sei. Stellt man ihn vor vollendete Tatsachen, macht er das, was er für unmöglich erklärt hat, mit der größten Selbstverständlichkeit möglich.“

„Ich schlage vor, Herrn Voß außer der Reihe zum Oberst zu befördern“, eröffnete Dr. Schmitt.

„Was soll das? Der ist doch gerade einmal anderthalb Jahre Oberstleutnant, und selbst da ist er die Treppe hinaufgefallen“, beschwerte sich von Doderer. „Außerdem, was hat dieser Voß mit dem Vorschlag der Russen zu tun?“

„Alles, Herr Außenminister“, erwiderte Dr. Schmitt. „Es ist doch klar, worauf die Russen abzielen: Wir sollen unsere Kräfte auf Grönland verlagern und die Wiederbesiedelung Ostelbiens schleifen lassen. Oberst Voß soll die Wiederbesiedelung Breslaus, Krakaus, Warschaus und Bialystoks vorbereiten.“

„Sind Sie übergeschnappt?“, knurrte von Doderer.

„Nein, genial“, sprang Dr. Winheim dem Minister für Industrie, Technologie und Außenhandel bei. „Wir haben Zeit, um auf den Vorschlag des Zaren zu antworten. Mit der Beförderung und der Ankündigung, die vier Gebiete in Ostelbien zu besiedeln, erhöhen wir den Druck auf die russische Seite. Thule fällt zur Gänze an Konteradmiral Hersing, da ziehen wir Voß ab.“

„Zeitungspapier ist wohlfeil und geduldig“, befand von Doderer. „Die Russen haben ihre Fühler längst ausgestreckt, sie werden herausfinden, wenn wir für die vier Städte keine Mittel bereitstellen.“

„Wir werden diese Mittel natürlich bereitstellen“, erwiderte Dr. Schmitt. „Die Pläne werden ausgearbeitet, die Mittel bereitgestellt, damit wir Februar oder März 2032 loslegen können. Der Zar soll ruhig denken, daß wir für Grönland nicht bereit sind. Das ermöglicht es uns, seiner Regierung ein paar Zugeständnisse abzuhandeln.“

Der Reichskanzler führte den Gedanken fort: „Oberst Voß wird tatsächlich Anfang 2032 loslegen. Er wird die Siedlungen Norgard, Kaiserfels, Wilhelmsburg und Lichterberg gründen – in Grönland.“

„Ach so – und was wird aus Breslau und den anderen drei Städten?“, wundert sich von Doderer.

„Wenn wir die Pläne haben, setzen wir die auch um“, beschied ihm Dr. Winheim. „Ab 2035 – aber das bleibt unter uns, sonst bedroht uns der Finanzminister mit einem Herzinfarkt.“

„Eine Frage habe ich doch noch“, kündigt der Außenminister an. „Wieso diese Landnahme? Das Siedlungsgebiet, das wir jetzt bereits besitzen, reicht für Jahrhunderte aus.“

Dr. Winheim betrachtete ihn mit ernsten Blicken. „Herr von Doderer, ich habe aus der Geschichte gelernt. Land muß erworben und gesichert werden, solange es einfach ist. Die alte deutsche Stadt Verdun wurde vom Schmalkaldischen Bund an den französischen König gegeben, um dessen Unterstützung gegen den katholischen Kaiser Karl V. zu erlangen. Im Ersten Weltkrieg sind vor diesem Geschenk eine Million Soldaten verblutet. Deshalb sichern wir uns Grönland besser jetzt, wo es uns auf dem Silbertablett dargeboten wird.“

*

Oberstleutnant Voß erfuhr aus der Zeitung, daß er vom Thule-Projekt abgezogen worden war. In der gleichen Ausgabe las er, daß eine neue Schneise der Ostsiedlung über Breslau, Krakau und Warschau nach Bialystok gezogen werden sollte. Wer dafür zuständig sein sollte, wurde in der Zeitung nicht gesagt. Voß vermutete, daß das Heer sein eigenes Siedlungsprojekt durchgesetzt hatte. Voß setzte sich in seine Privatmaschine, die von Dr. Schmitt umgebaute Phantom. Ein paar Stunden in der Stratosphäre ließen seinen Ärger abklingen. Auf der Erde stürzte er sich in Arbeit, er sorgte für neue Befehle für Königsberg und Danzig.

Eine gute Woche später stand Voß vor dem Kaiser. Er wurde mit Wirkung zum 1. Januar 2032 zum Oberst befördert und zum stellvertretenden Kommandeur der Luftwaffe ernannt. Sein neuer Dienstsitz war Hannover, wo eine neue Luftwaffenbasis das Material für die zweite Siedlungsschneise nach Ostelbien sammeln sollte. Voß hatte die Bereitstellung bis zum 15. Februar 2032 zu sichern. Damit erlangte Ritter Werner von Voß seinen Seelenfrieden zurück, außerdem hatte er genug Arbeit, um von trüben Gedanken abgelenkt zu sein. Trotzdem gab er die Losung 1200 aus. Jeweils 1.200 Siedler in Königsberg und Danzig, das besagte diese Losung, außerdem die Einrichtung einer regulären Schule in diesen Städten, und das bis Ende dieses Jahres.

Konteradmiral Hersing entschied, daß er es seinem Rang schuldig war, diese Pläne zu kontern. Er gab seinerseits die Losung 2400 aus, die besagte, daß er bis zum Jahresende 2.400 Siedler in Thule haben wollte. Und nicht nur eine Schule, sondern ein Krankenhaus, zudem sollte der Grundstein für eine Universität gelegt werden.

Generalleutnant Freiherr Ernst von Laudon, der Oberkommandierende der deutschen Streitkräfte, gab ein Interview. Dies passierte sehr selten und stieß deshalb auf große Beachtung. Die wichtigste Ankündigung bestand darin, daß den Wehrpflichtigen eine neue Aufgabe übertragen wurde: der Bau einer Bahnstrecke von Dresden aus Richtung Breslau. Die Wehrpflicht hatte sich für das neue Deutsche Reich bewährt, sie war eine Art Arbeitsdienst mit einer Zusatzausbildung an Waffen. Die Wehrpflichtigen sollten im Kriegsfall eine Miliz bilden, nicht zu Kampfverbänden eingezogen werden. Einen beträchtlichen Teil ihrer Dienstzeit verbrachten sie als Bausoldaten.

Natürlich waren die Pläne der zweiten Ostschneise offiziell geheim. So geheim, daß die Lieferungen nach Hannover ganz offiziell an die Lagerbereiche „Breslau“, „Krakau“, „Warschau“ und „Bialystok“ adressiert wurden. Auch die Rivalität zwischen Konteradmiral Hersing und dem zukünftigen Oberst Voß sickerte nach außen durch, da sich beide einen offenen Krieg mit Finanzminister Scholz lieferten. Angesichts des nahenden Winters benötigte Rußland dringend Fusionskraftwerke, die von deutscher Seite nicht geliefert wurden, mit dem Hinweis, sie selbst zu benötigen. Vier fertige Kraftwerke sollten nach Hannover geliefert werden, ermittelten die russischen Agenten. Eines entging den Agenten jedoch völlig: eine Gruppe Polarforscher der Universität Innsbruck, sowie eine Gruppe Geologen der Universität Mainz, die unauffällig in die Alfred-Wegener-Festung nach Nordgrönland verlegt wurden. Diese Wissenschaftler sollten geeignete Standorte für die Besiedelung Grönlands herausfinden.

Der Reichskanzler begann die Verhandlungen über Grönland, als die Russen eine überarbeitete Forderung vorlegten: 24 große Fusionskraftwerke, zehn kleine, davon vier transportabel, sowie jeweils acht Personen- und Frachtzeppeline für die neue Aeroflot. Die Siedlungsanforderungen für Grönland wurden auf eine Million Menschen in zwölf Jahren gesenkt, mit einer Kaufoption, falls diese Zahl nicht erreicht werden sollte. In jedem Fall würde nach Lieferung der Kraftwerke die Westhälfte Grönlands in den Besitz des Reiches übergehen.

*

Der Vertrag über Grönland wurde in den deutschen Zeitungen enthusiastisch gefeiert. Die erste Grenzkorrektur erfolgte noch 2031, als die vier neuen Fusionskraftwerke in Rußland in Betrieb genommen wurden. Der künftige Oberst Voß, ganz Patriot, hatte in seinem Büro in Hannover eine große Grönlandkarte aufgehängt. Thule und die Alfred-Wegener-Festung waren dort eingezeichnet. In seiner Schreibtischschublade hatte Voß vier Markierungsnadeln versteckt, mit den Aufschriften „Breslau“, „Krakau“, „Warschau“ und „Bialystok“.

Voß kannte schließlich Dr. Schmitt, deshalb wußte er, daß er nach dem 15. Februar diese Markierungsnadeln auf der Karte anbringen würde – auf der Karte von Grönland, natürlich. Bis dahin gedachte er, mit Königsberg und Danzig soweit zu kommen wie möglich.

Den ersten Weihnachtsfeiertag verbrachte Voß in Danzig, den zweiten in Königsberg. In dem einen Jahr war sehr viel geschehen, für das nächste Jahr hatten die Siedler bereits Felder abgesteckt, für die Aussaat. Altes deutsches Land würde wieder unter deutsche Pflüge genommen. Konteradmiral Hersing fluchte leise, als er von diesen Weihnachtsfeiern erfuhr. Er warf seine privaten Pläne über den Haufen, das neue Jahr würde er in Grönland beginnen, bei seiner eigenen Feier in Thule.


Ich bedanke mich beim Autor Herrn Michael Winkler für diese schöne Geschichte.


Quelle: © Michael Winkler / Pranger

http://www.michaelwinkler.de

 

 

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