Massenpsychologie – Auszüge aus Wilhelm Reich’s: „Die Massenpsychologie des Faschismus“

„Die Massenpsychologie des Faschismus“


Vorwort von Mary Higgins

In der 1946 erschienenen englischen Erstauflage der Massenpsychologie des Faschismus konstatierte Reich, daß seine sexual-ökonomische Theorie in der Anwendung auf das Faschismusstudium „der Prüfung durch die Zeit standgehalten“ hatte. Wenn nun, nahezu vierzig Jahre nach der Veröffentlichung der Originalausgabe in Deutschland, diese dritte, erweiterte Auflage vorgelegt wird, so geschieht das unter allen Anzeichen dafür, daß dem Werk nicht bloß historisches Interesse zukommt, sondern daß es weiterhin der „Prüfung durch die Zeit“ standhält.

Tatsächlich liefert der heftige Kampf, der gegenwärtig zwischen den Kräften der Repression und denen der natürlichen Selbstregulierung stattfindet, deutlich Beweise für die Gültigkeit der Aussagen Reichs. Diese stehen auf festerem Grund als je zuvor, und jeder Versuch, ihnen die fundamentale Richtigkeit abzusprechen, muß sich nun messen mit der Kenntnis von der physikalischen Orgonenergie, dem gemeinsamen Prinzip des Funktionierens, das für alle biologischen und gesellschaftlichen Erscheinungen gilt.

So überspannt es klingen und so phantastisch die Entdeckung selber anmuten mag: Man kann voraussagen, daß sie weiterhin irrationaler Ablehnung, die auf Gleichgültigkeit, Gerüchtemacherei und mechanistische Fehlinterpretation zurückgeht, ebenso widerstehen wird wie gleichermaßen irrationaler, mystifizierender Anerkennung oder fragmentarischer Aneignung, die zwischen dem Erwünschten und dem Unerwünschten einen willkürlichen Strich zieht.

Die letztere stellt bei der überhandnehmenden Neigung, Reichs Werk aufgrund der eigenen, beschränkten Interessen und vorgefaßten Meinungen zu beurteilen, mit denen das Vermögen, in unerforschte Wissensbereiche zu folgen, nicht einhergeht, ein besonders lästiges Problem dar. So gibt es manchen Beweis dafür, daß trotz Reichs Warnung vor politischem Gebrauch seiner Entdeckungen die andersdenkende Jugend gewisse Teile seines Frühwerks ihren eigenen Zwecken zunutze begierig aufgreift, während sie gleichzeitig dessen logische Fortentwicklung in den biologischen und physikalischen Bereich hinein außer acht läßt.

Reichs frühe Arbeit in der psychohygienischen Bewegung und seine Forschungen über die menschliche Charakterstruktur lassen sich ebensowenig von seiner späteren, ausschlaggebenden Entdeckung der Lebensenergie trennen, wie das Tier Mensch sich vom Leben selber trennen läßt.

Wenn Die Massenpsychologie des Faschismus je begriffen und praktisch nutzbar gemacht werden soll, wenn „versagtes“ Leben je sich befreien und aus „Frieden“ und „Liebe“ mehr werden soll als leere Schlagwörter, dann müssen die Existenz und das Funktionieren der Lebensenergie anerkannt und verstanden werden.

Wie sehr sie auch verspottet und verlästert wird, die Entdeckung kann nicht ignoriert werden, wenn der Mensch sich mit den bislang mysteriösen Kräften in seinem Innern jemals auseinandersetzen soll.

In der vorliegenden Arbeit hat Reich seine klinischen Kenntnisse von der menschlichen Charakterstruktur auf den gesellschaftlich-politischen Bereich angewandt. Er verneint nachdrücklich die Auffassung, Faschismus sei die Ideologie oder Handlungsweise einer einzelnen Individualität oder Nationalität oder irgendeiner ethnischen oder politischen Gruppe.

Er lehnt auch die rein sozio-ökonomische Deutung ab, wie marxistische Ideologen sie vorbringen. Faschismus begreift er als Ausdruck der irrationalen Charakterstruktur des Durchschnittsmenschen, dessen primäre, biologische Bedürfnisse und Antriebe seit Jahrtausenden unterdrückt werden. Die gesellschaftliche Funktion dieser Unterdrückung und die entscheidende Rolle, welche die autoritäre Familie und die Kirche darin spielen, werden sorgfältig analysiert.

Reich zeigt, wie jede Form von organisiertem Mystizismus, auch der Faschismus, auf die unbefriedigte orgastische Sehnsucht der Massen baut.

Die heutige Bedeutung dieses Werkes kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Die menschliche Charakterstruktur, die organisierte faschistische Bewegungen hervorbrachte, besteht fort; sie herrscht in unseren gegenwärtigen gesellschaftlichen Konflikten.

Wenn Chaos und Agonie unserer Zeit jemals überwunden werden sollen, müssen wir unser Augenmerk auf die Charakterstruktur richten, die jene erzeugt: Wir müssen die Massenpsychologie des Faschismus verstehen.


Vorwort zur dritten korrigierten und erweiterten Auflage

Umfassende und gewissenhafte Heilarbeit am menschlichen Charakter hat mir die Überzeugung beigebracht, daß wir beim Beurteilen menschlicher Reaktionen grundsätzlich mit drei verschiedenen Schichten der biophysischen Struktur zu rechnen haben. Diese Schichten der Charakterstruktur sind, wie ich in meinem Buch Charakteranalyse dargelegt habe, autonom funktionierende Ablagerungen der sozialen Entwicklung. In der oberflächlichen Schichte seines Wesens ist der durchschnittliche Mensch verhalten, höflich, mitleidig, pflichtbewußt, gewissenhaft. Es gäbe keine soziale Tragödie des Menschentiers, wenn diese oberflächliche Schichte des Wesens mit dem tiefen natürlichen Kern unmittelbar in Kontakt wäre.

Dies ist nun tragischerweise nicht der Fall: Die oberflächliche Schichte der sozialen Kooperation ist ohne Kontakt mit dem tiefen biologischen Kern der Person; sie ist getragen von einer zweiten, einer mittleren Charakterschichte, die sich durchwegs aus grausamen, sadistischen, sexuell lüsternen, raubgierigen und neidischen Impulsen zusammensetzt. Sie stellt das Freudsche „Unbewußte“ oder „Verdrängte“ dar, die Summe aller sogenannten „sekundären Triebe“ in der Sprache der Sexualökonomie.

Die Orgonbiophysik vermochte das Freudsche Unbewußte, das Antisoziale im Menschen, als sekundäres Resultat der Unterdrückung primärer biologischer Antriebe zu begreifen. Dringt man durch diese zweite Schichte des Perversen tiefer ins biologische Fundament des Menschentieres vor, so entdeckt man regelmäßig die dritte und tiefste Schichte, die wir den biologischen Kern nennen. Zutiefst, in diesem Kern, ist der Mensch ein unter günstigen sozialen Umständen ehrliches, arbeitsames, kooperatives, liebendes oder, wenn begründet, rational hassendes Tier.

Man kann nun in keinem Falle charakterlicher Auflockerung des Menschen von heute zu dieser tiefsten, so hoffnungsreichen Schichte vordringen, ohne erst die unechte scheinsoziale Oberfläche zu beseitigen. Fällt die Maske der Kultiviertheit, so kommt aber zunächst nicht die natürliche Sozialität, sondern nur die pervers-sadistische Charakterschichte zum Vorschein.

Diese unglückselige Strukturierung ist dafür verantwortlich, daß jeder natürliche, soziale oder libidinöse Impuls, der aus dem biologischen Kern zur Aktion vordringen will, die Schichte der sekundären perversen Triebe zu passieren hat und dabei abgebogen wird. Diese Abbiegung verändert den ursprünglich sozialen Charakter der natürlichen Impulse ins Perverse und zwingt derart zur Hemmung jeder echten Lebensäußerung.

Übertragen wir unsere menschliche Struktur ins Soziale und Politische.

Es ist unschwer zu erkennen, daß die verschiedenen politischen und ideologischen Gruppierungen der menschlichen Gesellschaft den verschiedenen Schichten der menschlichen Charakterstruktur entsprechen. Wir verfallen natürlich nicht dem Fehler der idealistischen Philosophie, anzunehmen, daß diese menschliche Struktur von aller Ewigkeit in alle Ewigkeit unwandelbar besteht.

Nachdem soziale Umstände und Veränderungen die ursprünglichen biologischen Ansprüche des Menschen zur Charakterstruktur geformt haben, reproduziert die Charakterstruktur in Form der Ideologien die soziale Struktur der Gesellschaft.

Der biologische Kern des Menschen ist nun seit dem Untergange der primitiven arbeitsdemokratischen Organisation ohne soziale Vertretung geblieben. Das „Natürliche“ und „Hohe“ im Menschen, dasjenige, das ihn mit seinem Kosmos verbindet, ist nur in den großen Künsten, besonders in der Musik und in der Malerei, zu echtem Ausdruck gekommen. Es blieb aber bisher ohne wesentlichen Einfluß auf die Gestaltung der menschlichen Gesellschaft, wenn man unter Gesellschaft nicht die Kultur einer kleinen reichen Oberschichte, sondern die Gemeinschaft aller Menschen versteht.

In den ethischen und sozialen Idealen des Liberalismus erkennen wir die Vertretung der Züge der oberflächlichen, auf Selbstbeherrschung und Toleranz bedachten Charakterschichte. Dieser Liberalismus betont seine Ethik zum Zwecke der Niederhaltung des „Untiers im Menschen“, unserer zweiten Schichte der „sekundären Triebe“, des Freudschen „Unbewußten“.

Die natürliche Sozialität der tiefsten, dritten Schicht, der Kernschichte, ist dem Liberalen fremd. Er bedauert und bekämpft die menschliche Charakterperversion mittels ethischer Normen, aber die sozialen Katastrophen des XX. Jahrhunderts lehrten, daß er damit nicht weit kam.

Alles echt Revolutionäre, jede echte Kunst und Wissenschaft stammt aus dem natürlichen biologischen Kern des Menschen. Weder der echte Revolutionär noch der Künstler oder der Wissenschaftler hat bisher Massen gewonnen, geführt oder, wenn geführt, dauernd im Bereiche der Lebensinteressen halten können. Anders, und im Gegensatze zum Liberalismus und zur echten Revolution, ist es um den Faschismus bestellt. Er stellt in seinem Wesen weder die oberflächliche noch die tiefste, sondern wesentlich die zweite, mittlere Charakterschichte der sekundären Triebe dar.

Der Faschismus wurde zur Zeit der ersten Niederschrift dieses Buches allgemein als eine „politische Partei“ betrachtet, die wie andere „soziale Gruppierungen“ eine „politische Idee“ organisiert vertrat. Demzufolge „führte die faschistische Partei den Faschismus mittels Gewalt oder durch ‚politische Manöver‘ ein“.

Im Gegensatz dazu hatten mich meine ärztlichen Erfahrungen mit Menschen vieler Schichten, Rassen, Nationen, Glaubensbekenntnissen etc. gelehrt, daß „Faschismus“ nur der politisch organisierte Ausdruck der durchschnittlichen menschlichen Charakterstruktur ist, eine Struktur, die weder an bestimmte Rassen oder Nationen noch an bestimmte Parteien gebunden ist, die allgemein und international ist. In diesem charakterlichen Sinne ist „Faschismus“ die emotionelle Grundhaltung des autoritär unterdrückten Menschen der maschinellen Zivilisation und ihrer mechanistisch-mystischen Lebensauffassung.

Der mechanistisch-mystische Charakter der Menschen unserer Epoche schafft die faschistischen Parteien und nicht umgekehrt.

Der Faschismus wird auch heute noch, infolge des politischen Fehldenkens, als eine spezifische Nationaleigenschaft der Deutschen oder der Japaner aufgefaßt. Aus der ersten Fehlauffassung folgen alle weiteren Fehldeutungen.

Der Faschismus wurde und wird noch immer, zum Schaden der echten Freiheitsbestrebungen, als die Diktatur einer kleinen reaktionären Clique aufgefaßt.
Die Hartnäckigkeit dieses Irrtums ist der Angst vor dem Erkennen der wirklichen Sachlage zuzuschreiben:

Der Faschismus ist eine internationale Erscheinung, die sämtliche Körperschaften der menschlichen Gesellschaft aller Nationen durchsetzt. Dieser Schluß ist in Übereinstimmung mit den internationalen Vorgängen der letzten 15 Jahre.

Meine charakteranalytischen Erfahrungen überzeugten mich dagegen, daß es heute keinen einzigen lebenden Menschen gibt, der nicht in seiner Struktur die Elemente des faschistischen Fühlens und Denkens trüge. Der Faschismus als politische Bewegung unterscheidet sich von anderen reaktionären Parteien dadurch, daß er von Menschenmassen getragen und vertreten wird.

Mir ist die Verantwortungsfülle solcher Behauptungen voll bewußt.

Ich wünschte im Interesse dieser zerschundenen Welt, daß der arbeitenden Menschenmasse ihre Verantwortung für den Faschismus ebenso klar wäre.

Man muß scharf zwischen gewöhnlichem Militarismus und Faschismus unterscheiden. Das Wilhelminische Deutschland war militaristisch, aber nicht faschistisch.

Da der Faschismus stets und überall als eine von Menschenmassen getragene Bewegung auftritt, verrät er alle Züge und Widersprüche der Charakterstruktur des Massenmenschen: Er ist nicht, wie allgemein geglaubt wird, eine rein reaktionäre Bewegung, sondern er stellt ein Amalgam dar zwischen rebellischen Emotionen und reaktionären sozialen Ideen.

Versteht man unter Revolutionärsein die rationale Auflehnung gegen unerträgliche Zustände in der menschlichen Gesellschaft, den rationalen Willen, „allen Dingen auf den Grund zu gehen“ („radikal“ – „radix“ = „Wurzel“) und sie zu bessern, dann ist der Faschismus nie revolutionär. Er mag zwar im Gewande revolutionärer Emotionen auftreten. Aber man wird nicht den Arzt revolutionär nennen, der gegen eine Krankheit mit ausgelassenen Schimpfworten vorgeht, sondern denjenigen, der still, mutig und gewissenhaft die Ursachen der Krankheit erforscht und bekämpft.

Faschistisches Rebellentum entsteht immer dort, wo eine revolutionäre Emotion durch Angst vor der Wahrheit in die Illusion umgebogen wird.

Der Faschismus ist in seiner reinen Form die Summe aller irrationalen Reaktionen des durchschnittlichen menschlichen Charakters. Dem bornierten Soziologen, dem der Mut zur Anerkennung der überragenden Rolle des Irrationalen in der Geschichte der Menschheit fehlt, erscheint die faschistische Rassentheorie bloß als imperialistisches Interesse oder, milder, als „Vorurteil“. Ebenso dem verantwortungslosen, phrasenhaften Politikanten.

Die Rasanz und die weite Verbreitung dieser „Rassevorurteile“ bezeugt ihre Herkunft aus dem irrationalen Teil des menschlichen Charakters. Die Rassentheorie ist keine Schöpfung des Faschismus. Umgekehrt:

Der Faschismus ist eine Schöpfung des Rassenhasses und sein politisch organisierter Ausdruck. Demzufolge gibt es einen deutschen, italienischen, spanischen, anglosächsischen, jüdischen und arabischen Faschismus. Die Rassenideologie ist ein echt biopathischer Charakterausdruck des orgastisch impotenten Menschen.

Der sadistisch-perverse Charakter der Rassenideologie verrät sein Wesen auch in der Stellung zur Religion. Der Faschismus wäre, so heißt es, Rückkehr zum Heidentum und ein Todfeind der Religion. Weit davon entfernt, ist der Faschismus der extreme Ausdruck des religiösen Mystizismus. Als solcher tritt er in besonderer sozialer Gestalt auf. Der Faschismus stützt diejenige Religiosität, die aus der sexuellen Perversion stammt, und er verwandelt den masochistischen Charakter der Leidensreligion des alten Patriarchats in eine sadistische Religion.

Demzufolge versetzt er die Religion aus dem Jenseitsbereiche der Leidensphilosophie in das Diesseits des sadistischen Mordens. Die faschistische Mentalität ist die Mentalität des kleinen, unterjochten, autoritätssüchtigen und gleichzeitig rebellischen „kleinen Mannes“.

Es ist kein Zufall, daß sämtliche faschistische Diktatoren aus dem Lebensbereiche des kleinen reaktionären Mannes stammen. Der Großindustrielle und der feudale Militarist nützt diese soziale Tatsache für seine Zwecke aus, nachdem sie sich im Bereiche der allgemeinen Lebensunterdrückung entwickelt hat. Die mechanistisch autoritäre Zivilisation erhält in Gestalt des Faschismus nur vom kleinen, unterdrückten Manne wieder, was sie seit Jahrhunderten an Mystik, Feldwebeltum, Automatismus in die Massen der kleinen unterdrückten Menschen gesät hat.

Dieser kleine Mann hat dem großen Mann sein Verhalten allzugut abgeguckt, und er bringt es verzerrt und vergrößert wieder.

Der Faschist ist der Feldwebel in der Riesenarmee unserer tief kranken, großindustriellen Zivilisation.

Man macht dem kleinen Menschen nicht ungestraft das große Tamtam der hohen Politik vor: Der kleine Feldwebel hat den imperialistischen General in allem übertroffen: in der Marschmusik, im Stechschritt, im Befehlen und Gehorchen, in der tödlichen Angst vor dem Denken, in der Diplomatie, Strategie und Taktik, im Uniformieren und Paradieren, im Dekorieren und Medaillieren.

Ein Kaiser Wilhelm erwies sich in all diesen Dingen als ein elender Stümper, verglichen mit dem hungernden Beamtensohn Hitler. Wenn sich ein „proletarischer“ General seine Brust mit Medaillen auf beiden Seiten, und darüber hinaus von der Kehle bis zum Nabel vollhängt, so demonstriert der den kleinen Mann, der hinter dem „echten“, großen General nicht zurückbleiben möchte.

Man muß den Charakter des kleinen unterdrückten Menschen jahrelang gründlich studiert haben, so wie sich die Dinge hinter der Fassade abspielen, um zu begreifen, auf welche Mächte sich der Faschismus stützt.

In der Rebellion der Masse der mißhandelten Menschentiere gegen die nichtssagenden Höflichkeiten des falschen Liberalismus (ich meine nicht den echten Liberalismus und die echte Toleranz) kam die charakterliche Schichte der sekundären Triebe zum Vorschein.

Man kann den faschistischen Amokläufer nicht unschädlich machen, wenn man ihn, je nach politischer Konjunktur, nur im Deutschen oder Italiener und nicht auch im Amerikaner und Chinesen sucht; wenn man ihn nicht in sich selbst aufspürt; wenn man nicht die sozialen Institutionen kennt, die ihn täglich ausbrüten.

Man kann den Faschismus nur schlagen, wenn man ihm sachlich und praktisch mit gut begründeter Kenntnis der Lebensprozesse entgegentritt. Das Politisieren, Diplomatisieren und Paradieren macht ihm keiner nach. Doch auf praktische Lebensfragen hat er keine Antwort, denn er sieht alles nur im Spiegel der Ideologie oder in Gestalt der staatlichen Uniform.

Wenn man einen faschistischen Charakter welcher Färbung immer die „Ehre der Nation“ (statt die Ehre des Menschen) oder die „Rettung der heiligen Familie und der Rasse“ (statt die Gesellschaft der arbeitenden Menschheit) predigen hört; wenn er sich aufpustet und das Maul voll von Schlagworten hat, so frage man ihn öffentlich still und einfach:

„Was tust du praktisch, um die Nation zu füttern, ohne andere Nationen zu morden? Was tust du als Arzt gegen die chronischen Krankheiten, was als Erzieher zur Förderung kindlichen Lebensglücks, was als Ökonom gegen Armut, was als Sozialarbeiter gegen die Zermürbung kinderreicher Mütter, was als Baumeister zur Förderung der Wohnungshygiene? Nun aber schwätze nicht, sondern gib konkrete praktische Antwort oder halte deinen Mund!“

Daraus folgt:

Der internationale Faschismus wird nie durch politische Manöver besiegt werden. Er wird der internationalen natürlichen Organisation der Arbeit, der Liebe und des Wissens erliegen.

Noch verfügen Arbeit, Liebe und Wissen in unserer Gesellschaft nicht über die Macht der Bestimmung des menschlichen Daseins. Mehr, diese großen Mächte des positiven Lebensprinzips sind sich ihrer Gewaltigkeit, ihrer Unersetzlichkeit, ihrer überragenden Bedeutung für das soziale Sein nicht bewußt. Deshalb findet sich heute die menschliche Gesellschaft, ein Jahr nach der militärischen Besiegung des parteilichen Faschismus, weiter am Rande des Abgrundes.

Der Sturz unserer Zivilisation ist unaufhaltbar, wenn die Träger der Arbeit, die Naturwissenschaftler aller Lebens- (nicht Todes-) Zweige und die Spender und Empfänger der natürlichen Liebe sich ihrer Riesenverantwortung nicht rasch genug bewußt werden sollten.

Das Lebendige kann ohne den Faschismus, aber der Faschismus kann ohne das Lebendige nicht sein. Er ist der Vampyr am Körper des Lebendigen, der Mordimpulse auslebt, wenn im Frühling die Liebe nach Erfüllung ruft.

„Wird die menschliche und soziale Freiheit, wird die Selbstverwaltung unseres Lebens und des Lebens unserer Nachkommen friedlich oder gewaltsam durchdringen?“ So lautet eine bange Frage. Niemand kennt die Antwort.

Doch wer die Funktionen des Lebendigen am Tier, am neugeborenen Kinde, am hingebungsvollen Arbeiter, sei er nun Mechaniker, Forscher oder Künstler, kennt, der hört auf, in Begriffen zu denken, die das Parteiunwesen in diese Welt gesetzt hat.

Das Lebendige kann keine „Macht gewalttätig ergreifen“, denn es wüßte nicht, was mit Macht anzufangen ist. Bedeutet dieser Schluß, daß das lebendige Leben für immer dem politischen Gangstertum ausgeliefert, immer sein Opfer und Erdulder sein wird, daß der Politikant immer an seinem Blute saugen wird? Dieser Schluß wäre falsch.

Als Arzt habe ich Krankheiten zu heilen, als Forscher unbekannte Naturzusammenhänge zu enthüllen. Käme nun ein politischer Windbeutel daher, um mich zu zwingen, meine Kranken und mein Mikroskop im Stiche zu lassen, so würde ich mich nicht stören lassen, sondern ihn zur Türe hinauswerfen, wenn er nicht freiwillig ginge. Ob ich Gewalt anwenden muß, um meine Arbeit am Leben vor Eindringlingen zu schützen, hängt nicht von mir oder meiner Arbeit, sondern vom Grade der Frechheit des Eindringlings ab.

Man stelle sich nun vor, daß alle, die Arbeit am Lebendigen leisten, den politischen Windbeutel rechtzeitig erkennen könnten. Sie würden nicht anders handeln. Vielleicht liegt in diesem vereinfachten Beispiel ein Stück Antwort auf die Frage, wie sich früher oder später das Lebendige gegen seine Störer und Zerstörer wehren wird.


Die Massenpsychologie des Faschismus entstand in den deutschen Krisenjahren 1930-1933. Sie wurde 1933 niedergeschrieben; sie erschien im September 1933 in erster und im April 1934 in zweiter Auflage in Dänemark.


Hier geht´s weiter im Text: reich wilhelm


Mein Kommentar:

Kniet niemals Ideologisch nieder & widersprecht, exakt an der stelle, wo Menschen, verblendet von Ideologien, beginnen, etwas verbieten oder nehmen zu wollen was Dich an deiner natürlichem Lebensweise hindert. 


© Alpha Rocking

 

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